Jens Standke
»Vinylaktiten/Vinylagmiten«
Skulpturale Klang‐An‐Archive aus der technofaktur

Kunsthochschule für Medien (KHM)

Jens Standke Vinylaktiten/Vinylagmiten Vinylaktiten/Vinylagmiten

"Die Zeit ist das, was verhindert, daß alles auf einmal gegeben ist. Sie hemmt [...]" Henri Bergson

Das Paradox der simultanen Abbildung einer Chronologie ist der Ausgangspunkt der Klang-Installation Vinylaktiten/Vinylagmiten. Schallplatten sind zu Hunderten übereinander geschichtet und zeigen sich in der skulpturalen Form von Tropfsteinen. Zu jeder einzelnen Schallplatte gibt es eine Audio-Datei als klangliches Pendant. Dieses riesige Klang-Archiv wird sukzessiv abgespielt.

Die fragmentierten Klänge zeichnen sich dadurch aus, dass die Musik der Schallplatten nicht mit einer Ton‐Nadel abgenommen wurden, sondern optisch mit einem Laser. Die Schallplatten, die alle aus dem Bestand eines Kölner Techno‐Labels stammen, wurden in der technofaktur bearbeitet: Die technofaktur ist eine d.i.y. CNC‐Fräse, die mit dem optischen Tonabnehmer erweitert wurde. Dieser Tonabnehmer kann sich frei über die Schallplatten bewegen und ist nicht an die spiralförmige Tonrille gebunden. So ist es möglich zwei Schallplatten gleichzeitig zu bearbeiten: aus einer Schallplatte wird eine Form herausgefräst und der Klang ihres Doppelgängers wird entlang der gleichen Kontur abgetastet. Diese Klänge sind aus ihrer kompositorischen Ordnung losgelöst und die rhythmischen Samples ergeben zusammen mit dem Rauschen und Knacksen eine neuartige und unvorhersehbare Klang‐Abfolge.

Die entstandenen skulpturalen Archive beherbergen einen Verlauf vom musikalischen Rhythmus zum Rauschen: Jeder einzelne Track mischt den Klang der Musik, mit den Rillen des Mediums und den Vibrationen der gesamten Aufzeichnungsmaschine. Somit trifft hier eher der Begriff An-Archiv (Siegfried Zielinski) zu, als der Begriff Archiv, der Vollständigkeit und Kanonisierung beansprucht.

Die skulpturalen Formen, die letztendlich die klangliche Auswahl bestimmen, ergeben sich aus der visuellen Ähnlichkeit zwischen Tropfsteinen und den Wellenformen aufgezeichneter Sprache: Dreht man die horizontale Zeitachse der Wellenformen auf die vertikale Ausrichtung der Tropfsteine, so gleichen sich diese in Form und Zeitlogik. Natürliches Wachstum und digitales Abbild kommen zusammen.

Zum anderen ergeben sich die Formen ganz konkret aus einem medienarchäologischen Diskurs: Begriffe, die sich auf das Phänomen der Klang‐Aufzeichnung beziehen, wie z.B. Gedächtnis, Erinnerung, Wiederholung, Reproduktion, Monotonie, Zwischenspeicher wurden von mir eingesprochen und aufgezeichnet. Die Wellenformen dieser Begriffe bilden wie ein Drahtgitter die Form der Vinylaktiten/Vinylagmiten. Im 3D‐Programm werden die Wellenformen zu einem virtuellen Objekt zusammengefügt und horizontal zerschnitten. Diese Querschnitte liefern die Fräs‐Konturen und somit auch die Konturen für den optischen Tonabtaster.

Die Skulpturen manifestieren die Vergänglichkeit des Sprechens und konfrontieren diese kurze Dauer der Aussprache mit der übermenschlichen Wachstumsdauer der Tropfsteine. Die Dauer des Wachstums zeigt sich simultan in den Schicht‐Skulpturen. Die Simultaneität der Skulptur zerfällt in die Sukzession der Klänge. Ein Oszillieren zwischen intuitivem Affekt und kognitivem Wissen, zwischen der Wahrnehmung von Chronologie und Simultaneität, zwischen Hören und Sehen.