Philipp Mies
»Move!«
Unterstützung von Bewegung bei einer körperlicher Einschränkung

Köln International School of Design(KISD)

Philipp Mies Philipp Mies

Der aufrechte Gang hat den Vorfahren des Menschen vor über fünf Millionen Jahren dazu verholfen ihre Umgebung besser zu überblicken und die Hände für andere Aufgaben frei zu haben. Seit seiner Entstehung hat der menschliche Körper diese Art der Fortbewegung weiter verfeinert und optimiert. Seine Physiognomie hat sich dieser Motorik weitestgehend angepasst. Der Aufbau des Stütz- und Bewegungsapparats bestehend aus dem Skelettsystem mit Knochen, Muskulatur, Bändern, Sehnen und Gelenken ist die Grundbedingung jeglicher Bewegung. Aber auch nicht direkt an der Bewegungsmechanik beteiligte Organe und Systeme, wie das Blutkreislauf- oder das Verdauungssystem, sind auf die urmenschliche Art der Fortbewegung ausgelegt. Neben dieser physiologischen Bedeutung wird aber auch die soziale, zwischenmenschliche Interaktion von diesen körperlichen Fähigkeiten bestimmt. Wir kommunizieren durch Bewegung und teilen uns mit der "Sprache unseres Körpers" mit. Räumliche und geistige Mobilität sind Grundbedürfnisse des Menschen, die tief in einem sozialen Miteinander verankert sind. Wir wollen uns nicht nur bewegen, wir müssen es auch, um mit unserer Umwelt zu interagieren.

Eine freie und unabhängige Körperbewegung ist für die meisten Menschen eine grundlegende Selbstverständlichkeit. Wir benutzen unseren Bewegungsapparat permanent und dabei meist unbewusst und automatisch. Jedoch ist ein nicht unerheblicher Anteil unserer Mitmenschen in ihrer körperlichen Bewegung und all den daran geknüpften Möglichkeiten eingeschränkt. Um diese körperlichen Einschränkungen zu kompensieren und ein möglichst "normales" Leben zu führen kommen Hilfsmittel zum Einsatz, die beeinträchtigte oder fehlende Körperfunktion ersetzen, erleichtern, oder ergänzen. Aufgrund der gesellschaftlichen Relevanz und dem in dieser Produktgruppe verborgenen Innovationspotential habe ich mich in meiner Bachelorarbeit intensiv mit Hilfsmitteln für körperlich eingeschränkte Menschen auseinandergesetzt. In Kooperation mit dem Rollstuhlhersteller Otto Bock Mobility Solutions GmbH habe ich Lösungen entwickelt, die die Zurückgewinnung, den Erhalt und den Ausbau von Bewegung ermöglichen. In der praxisnahen Recherche wurden zunächst unterschiedliche Rollstuhlnutzer und Interessenvertreter, sowie ihre Bedürfnisse identifi ziert und analysiert. So war es möglich den gesamten Versorgungsprozess in einer "Stakeholderourney" abzubilden und in die Hilfsmittelentwicklung einfl ießen zu lassen. Dabei wurden mir die gesellschaftlichen Reaktionen und das negative Image von Hilfsmitteln bewusst,das sich oftmals in der Stigmatisierung ihrer Nutzer äußert. Basierend auf diesen Erkenntnissen wurden zunächst gegenwartsferne, zukunftsbezogene Visionen generiert, die im folgenden Schritt als Inspiration für die Entwicklung gegenwartsbezogener, konkreter Konzepte dienten. Diese Konzepte sollten innovative und visionäre Ideen vor dem gegenwärtigen Stand der Technik und Medizin betrachten und gegebenenfalls strategischer vorbereiten.

Aufgrund der immensen Komplexität und Vielfalt der unterschiedlichen Nutzergruppen und ihren Anforderungen an ein Hilfsmittel war es für die exemplarische Ausarbeitung des fi nalen Konzeptes notwendig sich auf lediglich ein Einschränkungsbild zu fokussieren. Der Fokus wurde auf Einschränkungsbilder gerichtet, bei denen Bewegung indiziert, jedoch aufgrund einer Muskelschwächung nicht mehr möglich sind. Ziel war es ein Hilfsmittel zu entwickeln, dass das Eigengewicht von Körperteilen ausgleicht und so dem Nutzer eine nahezu natürliche Bewegungbei minimalem Kraftaufwand ermöglicht. Dabei war besonders wichtig, dass sich das Hilfsmittel dynamisch der auszuführenden Bewegung anpasst und sie nur passiv unterstützt und nicht aktiv steuert. Für die Entwicklung eines solchen Hilfsmittels sollten Rückmeldungen von potentiellen Nutzern und Experten eine essenzielles Rolle spielen. Dafür mussten Ideen und Lösungsansätze greifbar und erfahrbar gemacht werden. Dies implizierte die Generierung von Mock-ups und Prototypen, die eine Überprüfung in der Praxis ermöglichten und als Diskussionsgrundlage die Weiterentwicklung in iterativen Schleifen vorantrieb.

Alle Erkenntnisse über Hilfsmittel ihre Nutzer, Interessenvertreter und den Versorgungsprozess wurden in einem Anforderungskatalog bestehend aus Designprinzipien zusammengefasst. Dieses Regelwerk diente als Grundlage für die Entwicklung von dem finalen Konzept. Das finale Konzept ist eine passiv-dynamische Kopfunterstützung, die das Eigengewicht des Kopfes ausgleicht und so Bewegung trotz einer Muskelschwäche im Hals-Nacken-Kopfbereichs ermöglicht.