Julia Severiens
»Berlins Favela«
Cuvrybrache in Kreuzberg

Köln International School of Design(KISD)

Julia Severiens Julia Severiens

Basierend auf einer Text-Reportage von Nik Afanasjew erschienen in der Rubrik "Mehr Berlin" im Berliner Tagesspiegel.

Seit einigen Jahren lässt sich der Trend der sogenannten Graphic Novels beobachten. Grob definiert handelt es sich dabei um romanähnliche Comics mit anspruchsvollen Themen, die sich ausdrücklich an eine erwachsene Leserschaft richten. Dabei erfreuen sich besonders die sogenannten Reportage-Comics mit politischen und sozialen Themen einer großen Nachfrage.

Auf den ersten Blick ist diese Kombination von Comic und Reportage ungewöhnlich, widersprechend und deswegen interessant. Wie passen Journalismus und Comics zusammen und ist der Comic ein geeignetes Ausdrucksmittel für gesellschaftliche und politische Themen?

Die Faszination des Comics liegt in seiner besonderen Art und Weise der Kommunikation. Durch die Möglichkeit zur Identifikation und durch Interpretationsspielräume ergreift und beansprucht der Comic den Leser und lässt ihn an der Erzählung teilhaben. In seinen Merkmalen entspricht der Comic dem heutigen Rezeptionsverhalten: Zum Beispiel werden Informationen anschaulich und leicht zugänglich in Bild- und Textkombination angeordnet und bilden als Panels einzelne Leseeinheiten. Zudem werden Themen in eine Narration eingebunden, was dem heutigen Bedürfnis, Information mit Unterhaltung zu verbinden, entgegen kommt.

Ein Comic stellt aus mehren Gründen eine geeignete Form für die Reportage dar: Das Mittel der Zeichnung verweist indirekt auf eine Autorenschaft. So wird keine Scheinobjektivität suggeriert, wie es beispielsweise beim Foto der Fall ist. Jede Darstellung der Realität beschreibt letztendlich, wie der Autor diese erlebt und interpretiert. Aus diesem Grunde regt der Comic den Leser dazu an, kritisch mit dem Dargestellten umzugehen. Durch die ästhetische Wirkung des Comics können Dinge subtil über die Bildwirkung vermittelt werden wie zum Beispiel Gefühlswelten oder Machtverhältnisse, die Teil einer gesellschaftlichen Wirklichkeit sind. Das Verwenden von Zeichen macht das Dargestellte vielschichtig und mehrdeutig.

Durch die Möglichkeit zur Identifikation mit den abstrahierten Figuren, prägen sich die Geschichten der Menschen ein und bleiben im Gegensatz zu den häufig flüchtigen Nachrichten in Erinnerung. Außerdem findet ein Großteil der heutigen Informationsaufnahme über das Internet statt.

Aufgrund der starken Verbreitung der modernen Smart Devices und des mobilen Internets wird das Mediennutzungsverhalten zunehmend digital.

Durch das Aufkommen der Digitalisierung ist es zudem möglich geworden ein multimodales Erlebnis aus Text, Bild, Grafik, Video, Sound und Animation zu schaffen und durch Interaktionsmöglichkeiten den Leser auf eine aktive Art und Weise in die Geschichte zu involvieren.

Auf Grundlage dieser Erkenntnisse entstand die Idee einer Comic-Reportage in digitaler und interaktiver Form. Die praktische Umsetzung beruht auf der Textreportage "Berlins Favela - Cuvrybrache in Kreuzberg" von Nik Afanasjew, erschienen im März 2014 im Berliner Tagesspiegel. In der Reportage geht es um die sogenannten Cuvrybrache, ein unbebautes Grundstück an der Spree in Kreuzberg, Berlin. Seit Herbst letzten Jahres entsteht dort eine Art Favela. Obdachlose, soziale Aussteiger, Flüchtlinge und Wanderarbeiter bauen dort aus Sperrmüll und vorgefunden Dingen Hütten und Zelte. Ins öffentliche Interesse trat das Grundstück zusammen mit den Protesten gegen das Stadtentwicklungsprojekt "Mediaspree". Das Thema ist nach wie vor aktuell und findet immer wieder Beachtung in der Presse.

Die praktische Umsetzung von mir umfasste die Entwicklung einer Dramaturgie, das Erstellen eines Storyboards, die digitale Illustration sowie Animation und Interaktion. Der Sound wurde zusammen mit Onat Hekimoglu entwickelt und von ihm umgesetzt.

Zu meiner Freude wurde der Comic auf der Webseite des Berliner Tagesspiegels veröffentlicht.

Anwendung hier zu sehen:

www.tagesspiegel.de